BELP

Diesem Herrn entgeht kein Hai. Roger Michel ist der Mann für das Ungewöhnliche: Der selbstständige Geschäftsführer des Swisscom Shops in Münsingen und zweifache Familienvater amtet als Schützer der gefürchteten aller Meerestiere – er ist ehrenamtlicher Haiforscher von Shark Savers Germany. DEBORA ROTHER

Glück gehabt, dass wir Roger Michel noch erreichten, bevor er seine Reise antrat: Der ausgebildete Tauchinstruktor wollte für zwölf Wochen das Land verlassen – Meeresforschung in Ägypten,  so sein ursprünglicher Plan. Tauchgänge vor- und nachbereiten, Touristen mehrmals täglich durch tiefgelegene Korallenriffe führen, die Nächte auf offener See verbringen, während seine Familie zu Hause in Belp weilt und sein Geschäft die Stellvertreterin seines Vertrauens führt. Den ganzen Spätsommer und Herbst über wollte der passionierte Haiforscher und Haischützer unter den Touristen auf jenem Safariboot,  auf dem er seit zehn Jahren als Tauchguide mitfährt, weilen und forschen. Nun hat sich die Situation in seiner zweiten (Wahl)Heimat innerhalb weniger Tage markant verändert: Fluggesellschaften stornieren ihre Flüge, Hotels und Strände sind fast menschenleer und die Longimanus ohne Gäste.  Michel kehrt nun zwar vorzeitig zurück – aber retour zum Hai, das will er so schnell wie nur irgend möglich. Schliesslich plant er neben seiner Tätigkeit unter Wasser, über Wasser die Erhebung von Statistiken, um das Verhalten der Haie innerhalb der Riffe, die das Boot ansteuert, und die auf einer Strecke von 300 Kilometern verstreut liegen, zu erforschen. Nach jedem Tauchgang klappt der Belper jeweils seinen Laptop auf, analysiert Bild- und Videomaterial. Dabei sucht er nach markanten Merkmalen der Tiere, um diese später an anderen Stationen der Tour wieder zu erkennen und zu schauen, ob sie sich stationär verhalten oder zwischen den Riffen patroullieren. Seine Beobachtungen sollen Aufschluss über das Verhalten der Tiere geben. Die Daten fliessen direkt in offizielle Forschungsprojekte ein. Doch das Anliegen und Engagement des Haikenners geht weiter. «Der Hai ist das am meisten missverstandene Tier überhaupt und zudem vom Aussterben bedroht.» Michel will deshalb vor allem eines: Das Image des Hais aufbessern, den Menschen die Augen öffnen und sie sensibilisieren für eine Thematik und ein Tier, das unbegründet als Schrecken der Meere gilt. Jeweils in den frühen Abendstunden versammelt er die tauchfreudige Touristenschar und hält Kurzvorträge zum Thema, erörtert die Wichtigkeit des Hais für das Gleichgewicht der Gewässer oder spricht über die Regeln der Hai-Mensch-Interaktion.

Unter  Wasser in seinem Element

Es scheint ein volles Leben, das Leben des Roger Michel. Für den Meeresjäger würde er einiges in Kauf nehmen. Mitunter die längste Abwesenheit von seiner Frau Monika und den zwei Kindern – drei Monate wären es gewesen. Dass das sogar dem passioniertesten aller Haischützer schwer fiel, konnte er kaum verbergen. Mit Blick in die dunklen Augen des Haifans wird klar – dem Jäger in den Tiefen der Meere gehört seine ganze Passion, ihm widmet er all sein Herzblut. Die Liebe seines Lebens aber, die ist im Aaretal zu Hause. Hier in Belp hat dieser Mann ein mehr als nur gutes «Team». Seine Frau unterstütze ihn ohne Wenn und Aber, sie sah den Einsatz gar als Chance. Sein Ältester war bereits mit ihm zusammen auf einer Aktion für den Haischutz und hat dem Papi assistiert. Ist der Belper jeweils auf Meeresmission,  hilft das Satellitentelefon, die Distanz gering zu halten und in Kontakt zu bleiben. Gerade jetzt, da die politische Lage in Ägypten derart angespannt ist, kann man sich denken, wie wichtig dies für die Daheimgebliebenen ist. Michel sah es jedoch im Vorfeld recht gelassen. Wenn auf dem Festland, dann bewege er sich an den üblichen Badeorten – donnerstags zum Beispiel, wenn das Schiff jeweils im Hafen einläuft und die nächste Touristengruppe an Bord kommt. Klar beschäftige ihn die Situation, zumal er viele Menschen vor Ort kenne. Vor allem aber sei er fasziniert vom Umstand, dass auf den Booten die Welt aussen vor bleibe. Auf engem Raum arbeiten zig Menschen mit verschiedenem Glaubenshintergrund Hand in Hand. Zu schön, wenn das auch im «wirklichen Leben» funktionieren würde. Obwohl also auf der selbst initiierten Haiexpedition von Roger Michel andere Gesetze als auf dem Festland vorherrschen und sich alles um den Gejagten dreht: Dieses Mal muss der Belper sein Projekt unverhofft abbrechen. Schwärmen tut er dennoch:

«Wenn ich abtauche, tut sich eine andere Welt auf. Alles wird ruhig.»

Mit zehn auf den Hai gekommen

Doch woher dieses unermüdliche Engagement und dieses immense Interesse für den Meeresriesen? Es ist eine Geschichte aus seiner Kindheit: Der zehnjährige Roger Michel fasst in der Schule den Auftrag, einen Tiervortrag vorzubereiten. In Zeiten, in denen die Recherche noch primär in Bibliotheken stattfand, entdeckte der Neugierige ein Buch über den Hai. Das Tier zog ihn sofort in seinen Bann. Michel wurde infiziert und vom Haifieber angesteckt – Heilung ausgeschlossen. Fortan wird alles gesammelt und aufgesaugt, mit 21 beginnt er zu tauchen, durchläuft alle möglichen Tauchausbildungen bis zur höchsten Stufe, beginnt sich für den Haischutz ehrenamtlich zu engagieren, wird Mitglied in diversen Verbänden, professionalisiert sein Anliegen. Alles unentgeltlich, versteht sich. Daneben durchläuft der heute 37-Jährige eine Bilderbuchkarriere. Anfänglich im Detailhandel der Unterhaltungselektronik tätig, bildet er sich schnell weiter im Marketing und in der Personalführung und gründet schliesslich sein erstes kleines Startup Unternehmen: Zusammen mit seiner Frau verkauft er original amerikanischen Hotdog. Der Kontrast zum Leben auf offener See muss immens sein. Wenn Michel von damals erzählt, spürt man: Das war eine strenge Zeit. Seine Frau und er ständig unterwegs, die Wochenenden inklusive. Das Unternehmen fruchtete und wuchs den Beiden buchstäblich über die Köpfe. Man verkaufte, um wieder mehr Luft zu haben für Neues. Das ist typisch für den Haifan. «Ich brauche immer ein neues Projekt.» Stillstand gibt es bei ihm nicht, der Ausnahmezustand Normalität.

Schlafen, ein andermal!

2003 übernimmt der Energiemensch den Swisscom Shop in Münsingen und in ebendiesem Jahr wird er zum ersten Mal Vater: Sein Sohn Janick kommt auf die Welt. Die ersten drei Jahre seien schwierig gewesen. Drei Wochen Ferien habe er in dieser Zeit gemacht, das Handy stets in Griffweite und jeden Morgen und Abend einen Anruf ins Geschäft, um zu schauen, dass alles seinen rechten Lauf nimmt, die Einnahmen stimmen und seine Angestellten bei Laune sind. «Es ist ein schwieriger Grat zwischen Erfolg, Familie und meinem Engagement für den Hai.»  Man ist fast erleichtert, dies zu hören –  wann der Mann schläft, ist schwer abzuschätzen. Sein neuster Streich: Ein Club auf dem Land für die «nicht mehr ganz so Jungen.» Den DJ mimt er dann gleich selbst und die Lokalität ist auch schon gefunden. Roger Michel ist und bleibt ein Mann der Taten. Auf Mission für den Hai unterwegs hält er Vorträge vor Schulklassen. Vor Kindern und Jugendlichen erzählt Michel vom Räuber mit den schönen Augen, der seine negativen Attribute nicht los wird. Vom Tier, das schützenswert ist und wichtig, damit Riffe nicht zu Wüsten verkommen. Begeistert sind die Zuhörenden, wenn er fossile Haizähne zur Schau stellt. Erstaunt, wenn Michel erklärt, dass über 100 Millionen Haie jährlich durch den Menschen sterben, aber nur sechs bis acht Menschen an den Folgen von Haibissen, und dass für seinen Liebling, den weissen Hai, bereits jede Rettung zu spät komme, da dieser biologisch ausgestorben sei.  «Der Hai frisst keine Menschen. Wenn, dann macht er einen Probebiss, der eigentlich zärtlich ist.» Das Problem sei, dass oft jede Hilfe zu spät komme. Der Hai mit seinen sieben Sinnen reagiere auf Irritationen im Wasser. Wenn zudem mehrere Tiere vor Ort seien und Futter, beispielsweise Köder von Fischern, im Wasser, werde es brenzlig.

Drei Zappelphilippe und ein Hai

Die Angst vor dem Hai sei im Grunde unbegründet. Roger Michel muss es wissen, ganze Vorträge zum Thema rattert er aus dem Stegreif ab. Ein Stichwort, und die Glut ist entfacht. In seinen Reden vor Publikum kommt er oft auf den Angstaspekt zu sprechen. Diesen überträgt er dann – je nach Zielgruppe –  auf andere Herausforderungen des täglichen Lebens. «Der Hai setzt Akzente und interessiert die Leute. Das kann man nutzen», so Michel. Auch vor dem Top-Management der Swisscom sprach er einst über diesen Aspekt, wie er – nicht ohne Stolz – erzählt. Es ginge ja auch bei anderen, angstein-flössenden Situationen immer darum, sich gut vorzubereiten. Ein Hai habe eine Sprache, die man lesen könne, ähnlich wie bei einem Hund. Der Mann, der die Sprache der Haie versteht, bricht Tauchgänge ab, wenn Zweibeiner sich falsch verhalten. Einmal sei es bisher brenzlig geworden, als er unter Wasser mit einer Gruppe auf drei Haie traf und einige aus der Gruppe nervös Herumgestikulierten, so dass die Tiere neugierig wurden und sehr nahe herankamen. Wenn der erfahrene Taucher von dieser Begegnung erzählt, bei der die Räuber die Touristen anstubsten, wird einem dann doch etwas mulmig in der Bauchgegend.

Gähnen mit Blick aufs weite Meer

Das Engagement des Familienvaters und Strahlemanns ist nicht ohne enormen Reiseaufwand zu haben. Sein Leben funktioniert nur dank Flugzeug und Auto. Die vielen Verpflichtungen liessen sich schlecht einpassen in Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs. Dieser Widerspruch der Ökobilanz sei ihm durchaus bewusst. Für ihn beginne Umweltschutz im Kleinen. Er versuche beispielsweise, bewusster mit Plastik umzugehen und ja, die Fliegerei sei ungünstig. Dennoch ist für Michel klar: Er muss immer wieder hin zum Hai. Und wenn die Kinder gross sind und die Schule hinter sich haben – sein Sohn ist elf, seine Tochter neun Jahre alt – dann will er seinen Wohnsitz verlegen. «Morgens aufwachen, aufstehen, zum Fenster hinausschauen und das Meer sehen, das ist mein grosser Traum.» Der Hai, so schmunzelt man innerlich, wäre dann sein Nachbar und ein freundlicher noch dazu.

Engagement für den Topräuber der Meere

Shark Savers Germany ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich für den Schutz der Haie, Rochen, Chimären und anderer Meerestiere, sowie ihrer Lebensräume in den Ozeanen einsetzt. Viele Mitglieder setzen sich ehrenamtlich für den Hai und gegen die Missstände in den Weltmeeren ein. Sie wollen vor allem aufklären und andere dazu ermutigen, selber aktiv zu werden und Verantwortung für die Natur zu übernehmen. Von den 450 Haiarten weltweit stehen bereits 100 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Viele Studien zeigen die dramatischen Auswirkungen auf das Ökosystem, ganze Korallenriffe sterben aus. Das Projekt hat zum Ziel, aktiv über die akute Situation zu informieren und klar zu zeigen: Der Hai ist keine wirkliche Gefahr für die Allgemeinheit. Haie zählen mit den Rochen und den Chimären zu den sogenannten Knorpelfischen. Sie haben Knorpel statt Knochen, Hautzähnchen statt Schuppen. 20 Prozent legen Eier, 80 Prozent gebären lebend – je nach Art zwischen 2 bis 100 Jungtiere. Unglücklich für den Hai: Alles an ihm ist verwertbar. Noch immer findet sich auf Speisekarten verstreut über den ganzen Globus Haiflossensuppe als Statussymbol für Geniesser, aus Knorpel werden fragwürdige Medikamente hergestellt, Blauhaisteaks können in Supermärkten bezogen werden. Auf dem Blog von Roger Michel kann sein Einsatz für den Hai und für Shark Savers direkt mitverfolgt werden. pd/dr

www.sharkman.ch

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SSI Instructor Trainer # 58672

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